IMG_9221-Enhanced-NR

Berlin du bist so cradlebar #9 Nährstoffe für die Stadt

Was muss sich ändern, damit wir Nährstoffe für die Lebensmittelproduktion in Kreisläufen halten und die Qualität unserer Böden verbessern können? Und was haben diese Fragen mit einer Kreislaufwirtschaft zu tun? Darüber sprachen am 21. Mai im C2C LAB Ariane Krause, Tim Gräsing, Alexandra von Stosch und Nora Sophie Griefahn.

Bei unserem neunten Event der Reihe „Berlin du bist so cradlebar” im C2C LAB stand die Rolle von Cradle to Cradle als Konzept für die Landwirtschaft im Fokus. In der öffentlichen und auch in der politischen Diskussion über eine Kreislaufwirtschaft spielt der Agrarsektor meist kaum eine Rolle. Warum das  ein Fehler ist und wie Industriepolitik und eine regenerative Landwirtschaft zusammenhängen, darüber sprach Nora Sophie Griefahn, geschäftsführende Vorständin von C2C NGO, in ihren einleitenden Worten. “Wenn wir sehen, dass wir 100-300 Jahre brauchen, um einen Zentimeter Humus natürlich aufzubauen, dann ist es absurd, dass wir aktuell jedes Jahr Humus-Böden verlieren, ohne sie wieder aufzubauen – selbst in der Bio-Landwirtschaft”, sagte Griefahn. Es sei daher nur sinnvoll, auch in der Landwirtschaft Ressourcen im Kreis zu führen. Im Gegensatz zum klassischen Anbau könne eine regenerative Landwirtschaft, die Böden aufbaut und in der Ressourcen wie Phosphor oder Stickstoff zirkulieren, zu höheren Erträgen und damit zu Lebensmittelsicherheit, auch bei einer wachsenden Weltbevölkerung führen, sagte sie weiter.

Von Trockentoiletten und flüssigem Mehl

Ariane Krause, Koordinatorin des Forschungsprojekts „zirkulierBAR”, nahm uns mit in die Welt menschlicher Ausscheidungen und der darin enthaltenen Nährstoffe. In einer Versuchsanlage in Eberswalde arbeitet das Projekt daran, Phosphor, Stickstoff, Kalium und weitere Stoffe aus Urin und Fäzes zu recyclen und weiter nutzbar zu machen, beispielsweise als Dünger. Laut Krause benötigen wir Sanitärsysteme, die Stoffströme direkt bei der Entstehung trennen, statt des derzeitigen Abwassersystems. Denn werde Wasser als Transportmittel genutzt, sei die Trennung der einzelnen Bestandteile deutlich schwerer und aufwendiger. Urin mache nur etwa 1 % des Abwassers aus, enthalte aber 80-90 % des Stickstoffs und circa 50 % des Phosphors, der insgesamt im Abwasser stecke. Daher arbeite das Projekt mit Reststoffen aus Trockentoiletten und habe so einen kreislauforientierten Verwertungspfad für sanitäre Nebenstoffströme entwickelt. Aus den Feststoffen wird organischer Humusdünger und flüssiger Mineraldünger aus dem Urin. Messungen auf landwirtschaftlichen Versuchsflächen hätten 2023 ergeben, dass der qualitätsgesicherte Dünger eine vergleichbare Wirkung aufweist wie synthetischer Dünger. Laut Krause sei die größte Herausforderung beim Recycling von Ausscheidungen die aktuelle Gesetzgebung, nach der die getrennte Sammlung der Nährstoffe ohne Wasser aktuell nicht vorgesehen ist. Dabei sei die Bevölkerung durchaus offen für eine Anpassung des Gesetzes: Bereits heute könnten sich 44 % der deutschen Bevölkerung vorstellen, Gemüse, produziert mit recyceltem Dünger, zu essen, so Krause. Sie schloss mit Verweisen auf die Bioabfall- und Düngemittelverordnung, unter welche getrennt und trocken gesammelte Ausscheidungen aus ihrer Sicht fallen sollten, damit sie behandelt und weiterverarbeitet werden dürfen.

Tim Gräsing nutzt mit seinem Unternehmen ValueGrain indes ganz andere Abfälle und verwertet sie zu einem neuen Rohstoff. Das B2B-Unternehmen produziert aus Treber, einem Nebenstrom der Bierproduktion, das Weizen-Substitutionsprodukt “Liquid Flour”, also flüssiges Mehl. „Biertreber ist mit 2 Millionen Liter pro Jahr einer der größten Nebenströme der Lebensmittelindustrie in Deutschland. Er wird aber aktuell nicht aktiv für die humane Lebensmittelkette genutzt”, sagte Gräsing. “Liquid Flour” könne normales Mehl in Backprodukten ersetzen, zumindest anteilig, so Gräsing. Entsprechende Projekte mit Dr. Oetker für Fertigpizzen hätten ergeben, dass sich dabei weder der Geschmack noch die Farbe  einer Tiefkühlpizza verändere, allerdings der Einsatz von hohen Mengen an “frischem” Mehl eingespart werden könne. Das Unternehmen arbeitet derzeit daran, die Nutzung seines Produkts als Basis für Fleischalternativen auszuweiten und kooperiert dabei unter anderem mit dem Start-up Brew Bites, das bereits Biertreber als Basis und Hauptzutat für ihre vegan Chunks verwendet.
Alexandra von Stosch, verantwortlich für den Bau des Food Campus Berlin in Tempelhof, sieht Lebensmittel als größten Hebel für eine klimapositive Zukunft. Der Campus werde sich in drei Kompetenzzentren unter anderem mit den Themen Smart Proteins, Personal Nutrition und Robotics/AI beschäftigen. Es gehe darum, den gesamten Wertschöpfungskreis anzugehen. Von Stosch betonte, wie wichtig es sei, sowohl die Makro- als auch die Mikroperspektive einzunehmen, wenn es um das Thema Ernährung geht: „Man muss die richtigen Fragen stellen: Was funktioniert lokal und mit welchen Playern funktioniert es lokal?”. Der Food Campus solle die Lebensmittelindustrie bei der Transformation hin zu einer kreislauffähigen Nahrungsmittelproduktion unterstützen, geleitet von einem ganzheitlichen Ansatz. Es entstehen sowohl der physische als auch ein digitaler Campus, welche mit dem Fokus Forschung, Entwicklung und Vernetzung die Veränderung in der Landwirtschaft und im Food-Bereich international vorantreiben sollen.

Tradition, zirkuläre Lebensmittel und politische Rahmenbedingungen

In der anschließenden Diskussionsrunde gingen Krause, Gräsing und von Stosch detaillierter auf ihre Projekte ein – und auf damit verbundene Hindernisse. Sowohl die Bierindustrie als auch die Backprodukt-Industrie seien traditionsgeprägte Bereiche, was die Zusammenarbeit teils erschwere, so Gräsing. Zudem sei es für innovative Unternehmen wie ValueGrain deutlich leichter und schneller, beispielsweise in den USA oder China mit potenziellen Partnern ins Gespräch über die Skalierung ihres patentierten Verfahrens zu kommen. Auch Forschungsgelder seien in anderen Ländern oftmals  leichter abzurufen, so Gräsing. Diese Entwicklung beobachtet auch von Stosch: „Es ist unglaublich frustrierend zu sehen, dass die ganze Intelligenz hier stattfindet und dann abwandert. […] Da vergibt sich Deutschland einfach wahnsinnig viel durch Regulatorien. […] Es gibt noch zu wenig Druck und der Druck muss aus der Wirtschaft selbst kommen”, sagte sie. Auch Krause sieht nur schleppende Fortschritte bei der Regulatorik und Gesetzgebung. „Während wir in Deutschland schon seit 15 Jahren diskutieren, ob Inhalte aus Trockentoiletten Abfall oder Abwasser sind, werden in anderen Ländern, zum Beispiel in der Schweiz, Schweden und Frankreich, diese Dünger zunehmend schon legalisiert.”
Laut Gräsing sei der Wandel hin zu einer zirkulären Lebensmittelproduktion technologisch bereits problemlos möglich, doch die dafür notwendigen Investitionen würden viele Unternehmen abschrecken. Er sprach sich dafür aus, diesen Schritt über Teilsubventionierungen einfacher zu machen. Auch sollte über Steuerentlastungen für zirkuläre Produktionsabläufe nachgedacht werden, ergänzten er und von Stosch. Krause indes sieht eine reale Besteuerung des Ressourcenverbrauchs als wichtig an: „Wie stark die aktuellen Düngerpreise zum Teil auf Subventionen basieren, kann man am Beispiel Erdgas sehen. Wir können keinen Stickstoffdünger ohne Erdgas herstellen. Aufgrund solcher Beispiele ist es schwierig, Innovationen rein über den Markt durchzusetzen, weil man damit konkurrieren muss”, sagte sie. Düngemittel könnten über EU-Recht oder nationales Recht zugelassen werden, wobei auf EU-Ebene mehr passiere, allerdings nur auf Phosphorrecycling bezogen – hier gäbe es noch viele Ausbaumöglichkeiten. Die Düngemittel- und Abfallverordnung müssten daher dringend angepasst werden, fügte Krause hinzu.
Unser nächstes Event mit dem Fokus auf Kunststoffe findet am 18. Juni bei Momox in Berlin-Lichtenberg, vorwiegend auf Englisch, statt. Eine Aufzeichnung des gesamten Events #9 findet ihr hier.

Designkonzept

Um unser Klima- und Ressourcenproblem langfristig zu lösen, müssen wir Menschen umdenken und umgestalten. Das C2C Designkonzept ist die Anleitung dafür. Es ist natürlichen Kreisläufen nachempfunden, in denen jeglicher Abfall Nährstoff für etwas Neues ist. Cradle to Cradle berücksichtigt alle ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekte von Produkten bereits in der Planungsphase. Dabei kommen ausschließlich kreislauffähige Materialien zum Einsatz, die für den konkreten Zweck eines Produkts geeignet sind.

This site is registered on wpml.org as a development site. Switch to a production site key to remove this banner.